
Das dritte Dilemma
Hier weiß ich selbst nicht so genau, ob das überhaupt ein Dilemma ist –
oder vielleicht doch eher ein Segen.
Ich bin in Hamburg noch mit Gaslaternen und dem Kohlenmann aufgewachsen. Und möglicherweise liegt genau darin die Antwort auf die Frage:
Warum Social Media?
Hä?
Der große Vorteil meiner Generation ist:
Wir waren von Anfang an dabei.
Als in Hamburg der Kohlenmann Feierabend machte und wir unter den Gaslaternen die Sperrmüllhaufen nach Brauchbarem durchwühlten – meist Schellackplatten, die man hervorragend zerdeppern konnte – gingen die Nachbarn vom Volksempfänger oder vom Schwarz-Weiß-Fernseher zum Wählscheibentelefon und riefen für 23 Pfennig in acht Minuten einen Peterwagen.
Wir haben Musik vom Tonband gehört, von der Kassette, von Singles, Maxisingles und LPs.
Wir waren bei der Geburt und beim Ende der CD dabei.
Wir hatten Phonoschränke, Kassettendecks, Walkman und Discman.
Wir haben bei Oma auf einem 200-Kilo-Farbfernseher echten Promis bei der Arbeit zugesehen – und Papas Super-8-Kamera benutzt, wenn niemand zu Hause war.
Wir waren live dabei beim großen Duell:
Video 2000 & Betamax gegen VHS –
das bekanntermaßen zugunsten des schlechteren Systems ausging.
Wir haben in zahllosen Videotheken erst Kassetten ausgeliehen, dann DVDs gekauft und dabei ganz nebenbei das analoge Fernsehen zu Grabe getragen.
Wir hatten das erste Tastentelefon und das erste schnurlose Telefon.
Wir haben uns über die öffentlichen Telekom-Telefone geärgert, die unsere geliebten gelben Post-Telefonzellen ersetzt haben.
Wir bekamen mit dem ersten Handy auch unsere erste mobile Telefonnummer –
und viele von uns haben sie heute, nach über 30 Jahren, immer noch.
Wir haben all die Totgeburten gesehen –
Windows ME, Windows 8, Blu-ray, Windows Phone, Intel in Apple, BlackBerry, Nokia –
und wir haben mit ihnen gearbeitet.
Und heute?
Heute haben wir ein Smartphone und ein Smart-TV.
Damit können wir nun alles ersetzen, alles abbilden –
sogar soziale Kontakte zu Freunden.
Vielleicht ist genau das kein Dilemma.
Vielleicht ist es einfach nur die Perspektive einer Generation,
die gelernt hat, dass Technik kommt, geht, scheitert –
und dass am Ende immer der Mensch übrig bleibt.
Oder zumindest das, was davon noch online ist.