
Das erste Dilemma
Ich befinde mich in einem Dilemma.
Ich wäre gerne Künstler, habe dafür aber keinerlei Begabung.
Ich versuche seit über 40 Jahren, Gitarre zu spielen – mit der Erkenntnis, dass alle Konzepte wie „Gitarre lernen ohne Noten“ kompletter Unsinn sind und dass ich besser nicht dazu singen sollte, wenn ich nicht möchte, dass sämtliche Haustiere fluchtartig das Weite suchen.
Wenn ich male, sieht das Ergebnis aus, als hätte ein Schimpanse ein Porträt von SpongeBob gemalt.
Meine Skulpturen werden regelmäßig vom Sperrmüll entsorgt.
Schauspielerei oder Tanzen sollte man der Welt ohnehin nur dann zumuten, wenn man mit einem entsprechenden Talent gesegnet wurde.
Da bleiben realistisch betrachtet nur noch Schreiben und Reden.
Nun könnte man meinen:
Perfekt! Die Social-Media-Welt ist doch genau dafür gemacht.
Das Problem ist nur:
Ich kann ausschließlich satirisch-ironische Texte schreiben, erkläre mich permanent selbst und lande inhaltlich immer wieder bei der Erkenntnis, wie überflüssig das alles eigentlich ist – insbesondere die sozialen Medien selbst.
Und jetzt mal Butter bei die Fische:
Der Zug ist längst abgefahren.
Social Media ist kein Hype mehr, sondern fester Bestandteil der Medienlandschaft. Die Diskussion über Sinn oder Unsinn von Inhalten ist damit im Grunde obsolet.
Denn wenn man sich etwa bei Instagram anschaut, welcher Content dort die meisten Follower bekommt, wird schnell klar:
Es gibt für jeden Scheiß ein Publikum –
außer für reale, nüchterne Fakten zu wirklich wichtigen Themen.
Da ich in meinem Alter allerdings bereits Stufe 6 erreicht habe, kann ich theoretisch wieder auf diesen Zug aufspringen.
Ich werde altersgerecht über vermeintliche Missstände in diesem Land meckern, diese Missstände vorher benennen, einordnen, definieren – und sie damit im Zweifel gleich selbst erschaffen.