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Atomkraft – das ambivalente Dilemma

Atomkraft ist ein ambivalentes Dilemma.
Einerseits gilt sie als saubere, nachhaltige Form der Energiegewinnung.
Andererseits ist sie die gefährlichste, die wir kennen.
Oder anders gesagt: Sie ist fantastisch – solange alles perfekt läuft.

Als wir uns in den 80ern von den stationären Wasserwerfern vor dem Kernkraftwerk Krümmel den Elbhang hinunterspülen ließen, waren wir nicht grundsätzlich gegen Kernkraft. Unsere Fragen waren erstaunlich banal:
Sind diese Kraftwerke wirklich sicher?
Was passiert mit dem Atommüll?
Und was passiert mit einem Atomkraftwerk, wenn man es nicht mehr braucht?

Die Antworten kamen schnell.
Und wie sich später herausstellte: sie waren schlicht falsch.

Frei nach dem Motto: Wir brauchen keine Atomkraft – bei uns kommt der Strom aus der Steckdose.
Wir wollten einfach nicht, dass unsere Kinder den Preis für unseren Strom bezahlen.

Rein rechnerisch ist die Kilowattstunde aus Kernenergie die günstigste. Länder wie Frankreich, die ihre Kraftwerke weiterbetreiben, haben ihre Klimaziele fast erreicht. Ja, das stimmt. Punkt.
Rechnerisch ist Atomkraft ohnehin unschlagbar – vor allem, wenn man bestimmte Rechnungen einfach weglässt.

Abgesehen davon, dass auch Uran kein nachwachsender Rohstoff ist, bleiben da noch ein paar Details.

Zum Beispiel die Sicherheit.
Uns wurde versichert, Kernkraftwerke seien zu hundert Prozent sicher. Die Strahlung bleibe vollständig im Reaktorgebäude. Ein sogenannter Super-GAU trete statistisch gesehen nur alle 400 Jahre auf. Und der Rückbau nach der Laufzeit sei kein Problem – man zerlege das Kraftwerk einfach, packe den Rest in Fässer und räume auf. Ende der Geschichte.

Merkwürdig ist nur, dass die Häufung von Leukämie-Fällen rund um das Kernkraftwerk Krümmel bis heute nicht abschließend geklärt ist. Die Hälfte der Studien sieht einen Zusammenhang mit dem Kraftwerk, die andere Hälfte nicht. Wissenschaftlich korrekt, emotional eher so mittel beruhigend.

Und dann die Praxis.
In den letzten 40 Jahren – nicht in 400 – hatten wir bereits drei Super-GAUs:
Three Mile Island bei Harrisburg,
Tschernobyl,
und Fukushima Daiichi.

Alle drei galten vorher als praktisch unmöglich.
Wenn das so weitergeht, erleben wir statistisch gesehen alle 13 Jahre einen Super-GAU.
Der letzte war 2011. Rein rechnerisch sind wir also schon wieder fällig.

Bleibt der Atommüll.
Erst haben wir ihn per Bahn quer durch Europa geschaukelt. Dann festgestellt, dass Wiederaufbereitung doch nichts bringt. Anschließend entschied ein Gericht, dass jedes Land sich selbst um seinen Müll kümmern muss. Seitdem steht er auf den Parkplätzen der abgeschalteten Kraftwerke – weil wir immer noch nicht wissen, wo wir ihn eigentlich vergraben sollen.

In der Asse rosten die Fässer.
Das Wendland hat sich so lange gewehrt, dass ein Gesetz zur Endlagersuche erlassen werden musste.
Nach dreißig Jahren Suche.
Obwohl das Thema angeblich längst erledigt war.

Und dann ist da noch der Rückbau.
Der ist nicht nur kompliziert, sondern unfassbar teuer. Milliardenbeträge, Jahrzehnte Arbeit, Sondermüll in handlichen Einzelteilen. Ein Teil davon wird von den Betreibern bezahlt. Ein anderer Teil – Überraschung – vom Steuerzahler.
Atomkraft ist eben günstig. Man muss nur wissen, für wen.

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