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Was ist ein Promi heute?

Als ich klein war, war ein Promi – damals sagte man noch berühmt – jemand, den fast jeder kannte. Hätte man in der Mönckebergstraße gefragt, wer Willy Brandt oder Hans Albers ist, hätten neun von zehn Passanten angefangen, die SPD zu loben oder Seemannslieder zu singen.

Promis waren Musiker, Schauspieler, Moderatoren oder Politiker.
Gut, die meisten RAF-Terroristen waren auch bekannt wie bunte Hunde – aber „Star“ oder „Promi“ ist da nun wirklich kein sinnvoller Begriff.

Berühmt wurde man über genau drei Kanäle: Funk, Fernsehen und Zeitungen oder Magazine – etwa die Morgenpost oder den Stern. Wenn man die Fahndungsplakate der RAF in Post- und Bankfilialen mitzählt, waren es vier. Diese Plakate verschwanden übrigens erst nach der offiziellen Auflösung der RAF 1998.

Warum die RAF hier so präsent ist?
Zum einen, weil ich in dieser Zeit groß geworden bin und sie medial allgegenwärtig war.
Zum anderen, weil sie zeigt, wie eine kleine Gruppe mit analogen – und hochproblematischen – Mitteln eine Reichweite erzielte, von der die meisten heutigen Influencer nicht einmal träumen würden. Aber das ist ein eigenes Kapitel, das ich mir noch vornehme.

Kommen wir zum Promi von heute.

Ich zappe tatsächlich noch durchs klassische Fernsehen und bleibe gelegentlich bei Formaten wie dem Dschungelcamp oder dem Sommerhaus der Stars hängen. Im Dschungelcamp erkennt man wenigstens noch den einen oder anderen Altpromi, der sich zum Affen macht, weil das Konto leer und die Würde flexibel ist.

Im Sommerhaus der Stars wohnen dagegen Menschen, bei denen sich ernsthaft die Frage stellt:
Was machen die eigentlich?

Selbst Google hilft da oft nicht weiter. Kein Werk, kein Können, keine Leistung – nur Gerede, Selbstdarstellung und ein erstaunlich stabiles Selbstbewusstsein. Berühmt, weil bekannt. Bekannt, weil sichtbar. Sichtbar, weil laut.

Der Begriff Promi ist heute daher weniger eine Auszeichnung als eine Warnung.
Und auch die Abstufung von A- bis Z-Promi rettet nichts mehr.

Hätte ich in den Siebzigern noch fröhlich in jede Kamera gewunken, halte ich mir heute lieber die taz vors Gesicht – solange es sie noch auf Papier gibt.
Nicht aus Scham.
Sondern aus Selbstschutz.

Denn wer heute berühmt ist, wird nicht mehr gesehen,
sondern verwertet.

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