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„Lügenpresse“ – das Totschlagwort für Denkfaule

„Lügenpresse“ ist kein Argument. Es ist ein Gesprächsabbruch. Ein Wort, das man benutzt, wenn man keine Lust mehr auf Einordnung hat – oder Angst vor ihr. Wer es sagt, behauptet nicht nur, dass Medien falsch liegen. Er erklärt gleich das ganze Prinzip freier Presse für wertlos. Kompetenz? Gesteuert. Recherche? Manipulation. Widerspruch? Beweis genug.

Woher kommt dieser Scheiß? Historisch ist der Begriff alt und schmutzig, prominent benutzt u. a. von Joseph Goebbels. Schon damals war die Funktion klar: Vertrauen zerstören, Deutungshoheit sichern. Wer die Presse diskreditiert, muss sich nicht mehr mit Inhalten auseinandersetzen. Ein Wort ersetzt Denken. Praktisch.

Das Absurde daran zeigt sich heute besonders deutlich: Öffentlich-rechtliche Medien gelten vielen als „gesteuert“, weil sie Regeln haben. Redaktionen. Pressekodex. Korrekturen. Transparenz. Gleichzeitig wird YouTube als Informationsquelle gefeiert – also Plattformen, auf denen niemand prüft, wer spricht, warum er spricht und wovon er lebt. Aber klar: Der Typ im Hoodie mit Affiliate-Link ist unabhängig, der Journalist mit Impressum nicht.

Das ist kein Medienmisstrauen, das ist Medienverweigerung. Man sucht sich Kanäle, die bestätigen, was man ohnehin glaubt, und nennt das dann „selbst denken“. Ironischerweise ist genau das die perfekte Steuerung: nicht durch Inhalte, sondern durch Algorithmen. Empörung rein, Reichweite raus.

„Lügenpresse“ erstickt jede Diskussion, weil es die Grundlage entzieht. Wenn alles gelogen ist, lohnt kein Gespräch mehr. Dann bleibt nur noch Glaube. Und der ist bekanntlich nicht falsifizierbar.

Medien machen Fehler. Müssen sie kritisiert werden? Unbedingt. Aber Kritik setzt Maßstäbe voraus. Wer pauschal „Lügenpresse“ ruft, will keine besseren Medien – er will keine Medien, die widersprechen.

Oder anders gesagt:
Wer der Presse pauschal die Wahrheit abspricht, vertraut am Ende dem lautesten Link. Und verwechselt Freiheit mit Bequemlichkeit.

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