
Lautstärke ist kein Inhalt
Früher hatte man Medien. Heute hat man Mikrofone. Der Unterschied ist subtil, aber entscheidend. Medien sollten sortieren, einordnen, gewichten. Mikrofone verstärken. Alles. Auch Unsinn. Vor allem Unsinn.
Was früher eine Redaktion war, ist heute ein Algorithmus mit Aufmerksamkeitsdefizit. Der misst nicht Relevanz, sondern Reaktion. Empörung schlägt Einordnung, Tempo schlägt Tiefe, Lautstärke schlägt Argument. Wer schreit, wird gehört. Wer nachdenkt, lädt noch.
Dabei ist Information nie neutral gewesen – aber sie hatte mal Reibung. Platzbeschränkung. Sendeschluss. Gegenrede. Heute ist alles sofort, endlos und ungefiltert. Das Ergebnis nennt man dann „Meinungsvielfalt“, obwohl es oft nur Meinungsvielfachung ist. Gleiche Thesen, andere Avatare.
Das perfide: Wir spielen mit. Nicht weil wir dumm sind, sondern weil wir Menschen sind. Belohnungssysteme sind keine Verschwörung, sie sind Psychologie. Und Medien, die nur noch triggern, sind keine vierte Gewalt mehr – sie sind Fitness-Tracker fürs Ego.
Schon Marshall McLuhan wusste: The medium is the message. Heute müsste man ergänzen: …und die Botschaft ist oft egal. Hauptsache, sie klickt.
Vielleicht wäre es Zeit für ein Revival alter Tugenden: Zweifel statt Dauermeinung. Pause statt Push. Und Medien, die wieder Medien sein wollen – nicht Megafone.
Bis dahin gilt: Wenn alles wichtig ist, ist nichts mehr relevant. Und wenn jeder sendet, hört irgendwann keiner mehr zu.